25. Februar 2021

Die Gunst der Stunde?

Sich regen bringt Segen und der viele Regen tat sein Übriges: … Eines Tages war das Kroko-Müll weg und dieses Mal wohl auf Nimmerwiedersehen.Wegen unserer Bewerbung als europäische Kulturhauptstadt war es in Chemnitz besonders spannend geworden: Überall kamen krative Leute mit ihren Ideen zusammen und dann wurde aus Chemnitz ja tatsächlich Chemnitz2025! Die Freude war so groß und allgegenwärtig, auch auf der Chemnitz – pardon: auf der Chemnitz2025 – , dass die Fischlein auffallend munter umherschwammen und dann, eines Tages, war das Kroko-Müll wieder da.

Es sah anders aus als vorher: Größer war es geworden, und seine Krokohaut glänzte leuchtendgrün. Auf seinem Rücken gab es kaum noch Müll, dafür einen Müllsack und einen Müllgreifer. Was hatte nur sein merkwürdiges Grinsen zu bedeuten? Das Kroko-Müll verriet es mir im Stillen: Auf seinem Weg in die große Freiheit war es magenknurrend in eine Reha-Einrichtung geraten, wo es nur Essensreste in Bio-Qualität und keinen Müll zu Fressen fand. Unser Kroko-Müll gewöhnte sich dran, gedeihte prächtig und war von nun an überzeugt: Nie wieder Müll! Mit dieser Botschaft schwamm es nach Chemnitz an die bekannte Brücke am Wandelgang zurück. Fresst Euren Müll doch selber, so könnte man sein Grinsen deuten. Geradezu kampfeslustig bäumte es sich gegen die heranströmenden Wellen und vor den Betrachtern auf der Brücke auf. Smartphones wurden gezückt. War es dabei den Betrachtern zu nahe gekommen? Fühlten sich welche herausgefordert oder gar bedroht? In der Nachmittagsdämmerung des letzten schönen Herbstwochenendes wurde es gekidnappt! Ich hatte es nicht mitbekommen, dachte zunächst an einen weiteren Ausreißversuch und erfuhr den wahren Sachverhalt erst etwa eine Woche später zunächst von der Polizei, bei der ich mein Kroko-Müll abholen konnte, und dann von der eigentlichen Retterin.

Ein junger Mann war sich selbst und seinen Kumpeln wohl eine Mutprobe schuldig gewesen, als er von der Brücke herab Aug in Aug auf das Krokodil schaute. Fix hatte er sich fast aller seiner Kleider entledigt und sogleich den unerwartet beschwerlichen Kampf gegen die Wellen und das Krokodil aufgenommen, den er schließlich gewann. Als er stolz seine Beute präsentieren wollte, wurde er von einer sehr mutigen jungen Frau darauf hingewiesen, dass ihm ein derartiges Vorgehen nicht zustehe, weil – mit meinen Worten – das Kroko-Müll doch ganz offensichtlich nicht als Take-away-Installation gedacht sei. Nur unwillig lies er vom Kroko-Müll ab, das erst wieder in der Asservatenkammer der nahegelegenen Polizeiwache zur Ruhe kam, wobei ihm die Luft ausging, was inmitten der vielen anderen Asservate sicher auch in Ordnung war.

Durch einen Hinweis der Kunstsammlungen war ich als Eigentümer ausfindig gemacht worden. War damit unsere aufgeblasene Kunst indirekt in den Rang eines Kunstwerks erhoben worden? Wie auch immer, etwa zehn Tage nach dem Geschehen wurde mir das grüne Kroko-Müll von freundlichen grün gekleideten Polizisten in einer grünen Gemüsekiste überreicht. Das reichlich zerknitterte Kroko-Müll schien mich erfreut anzublinzeln und vergoss wohl auch ein paar Krokodilstränen. Gerührt nahm ich das Kroko-Müll in meine Arme. In meinem WoMo träumt es seither vor sich hin. Wer weiß, wie lange.

War das ein Happy-End! Denn zu guter Letzt fügte sich ja eigentlich alles zu einem gelungenen Ganzen zusammen. Doch etwas ganz Wichtiges steht für mich noch an, nämlich unserer Retterin für ihr engagiertes und couragiertes Einschreiten ganz herzlich zu danken, das für mich eine Bedeutung hat, die über die des Anlasses weit hinausgeht.

Wer setzt sich schon für eine Sache ein, mit der er unmittelbar nichts zu tun hat? Wer riskiert es schon, allein ein Streitgespräch mit einer Handvoll junger Leute zu führen, von denen einer gerade seinen Mut beweisen will? Ich möchte hiermit nicht zu Nachahmung, sonder zum Nachdenken anregen: Wie verhalte ich mich in unguten Situationen, an denen ich als Betrachter beteiligt bin?

Chapeau Claque ziehe ich meinen Hut vor der Retterin des Kroko-Mülls und ihrer besonnenen Vorgehensweise bei drohender Eskalation. Zum Glück ist alles gut gegangen.

BESTE WÜNSCHE FÜR SIE UND GANZ HERZLICHEN DANK!

Wovon mag das Kroko-Müll im WoMo träumen? Von fernen Ländern? Vom Nil? Vom Amazonas? Von Florida? Oder von Weihnachten? Also vom Frieden auf Erden, was seit Jahrtausenden gut klingt und gut über die Lippen kommt? Mit der Corona-Pandemie ist für viele Ruhe ins Land gekommen und Zeit zum Nachdenken…

„Mir is wie Daheeme“, raunzt mir das Kroko-Müll heute morgen auf dem Weg zur Arbeit zu. Ich freue mich.

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